Endlich zur Ruhe kommen...

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Ich mache immer wieder ganz hervorragende Erfahrungen mit Ruheprotokollen bei den unterschiedlichsten Ausprägungen von "Hibbeligkeit": egal ob der Hund am Agilityplatz vor lauter Aufregung seine Pausen nicht nutzen kann oder ob ihn die Türklingel minutenlang völlig aus der Fassung bringt. Hier berichte ich von meinen Erfahrungen mit einem sicherlich "extremen" Klientenhund mit generlisierter Angst, dessen Entwicklung innerhalb weniger Monate meine kühnsten Erwartungen übertroffen hat.

Nico ist ein Deutscher-Schäferhund-Mix, der über eine Tierschutzorganisation nach Österreich kam und direkt an seine heutige Besitzerin nach Wien vermittelt wurde. Zu diesem Zeitpunkt war er vier Monate alt. Weder war er stubenrein, noch konnte man mit ihm „normal“ spazieren gehen: Er war draußen auf der Straße so übermäßig ängstlich, dass er nicht einmal sein Geschäft verrichten konnte. Er zog an der Leine mit all seiner Kraft.  Aufgrund des Gewichts- bzw. Kraftverhältnisses ist jedes Hinausgehen enorm anstrengend für seine Besitzerin.

Nicos Besitzerin ist eine erfahrene Hundehalterin und konnte das Problem mit der Stubenreinheit selbstständig auf sehr kreative Weise lösen: Sie brachte ihm bei sich auf einer Plane in der Wohnung zu lösen und ließ die Plane Schritt für Schritt bei der Tür hinaus wandern. Nachdem die Plane draußen angekommen war, konnte sie als Hilfsmittel abgebaut werden: Die Stubenreinheit war erreicht. Als ich diesen Lösungsansatz gehört hatte, hatte ich großen Respekt vor Nicos Besitzerin - einfach toll!  

Als der Hund etwas über zwei Jahr alt ist, wendet sich Nicos neue Besitzerin an mich, weil er über den Winter und der damit verbundenen frühen Dunkelheit Reaktivität gegenüber Hunden, Menschen mit Kopfbedeckung, Autos mit Licht und Mülltonnen entwickelt hat. Besonders schlimm ist es in der Dämmerung oder Dunkelheit. Er bellt dann, springt nach vor in die Leine und gebärdet sich so, dass seine Besitzerin ihn kaum halten kann.

Meine erste Begegnung mit Nico hat mich erschrocken: Der Hund wirkt völlig aufgedreht und nervös. Er ist in der eigenen Wohnung komplett außer Rand und Band. Viele Hunde begrüßen menschliche Erstkontakte stürmisch, aber Nico kann sich während der eineinhalb Stunden meines Besuchs bei ihm keine Minute ruhig hinlegen. Stattdessen springt er mich immer wieder von allen Seiten mit Anlauf an, während wir sitzen und das Erstgespräch führten - und zwar so, dass er mit dem halben Körper am Esstisch ist. Nico ist durch nichts zu beruhigen. Kauknochen interessieren ihn nicht. Nun ist mir klar, warum Nicos Besitzerin sagt, dass sie keinen Besuch mehr einladen kann, seit sie den Hund hat. Nachts kann Nico nicht schlafen. Er läuft die ganze Nacht in der Wohnung auf und ab. Sowohl Nicos Besitzerin als auch mir tut der Hund sehr leid - was hat er bloß für eine Lebensqualität?

Beim nächsten Treffen möchte ich einen Blick auf Nicos Reaktivität gegenüber Hunden werfen, die der Anlass war, dass Nicos Besitzerin sich an mich gewendet hat. Unter Laborbedingungen (ohne jede Ablenkung) zeigen wir ihm einen Statistenhund. Der andere Hund ist zu jedem Zeitpunkt mindestens 40 Meter weit weg und sitzt wie eine Statue. Trotzdem rastet Nico aus. Wir brechen die Begegnung auf Distanz mit dem Hund ab. Während dieses Treffens kann man aber sehen, dass er sich - typisch für einen jungen Hund - flexibel in seinen Strategien zeigt. Das macht Hoffnung.

Der Trainingsplan für Nico enthält: 

  • Leinenführigkeitstraining und Veränderung des Equipments: weg vom Halsband, um das tägliche Würgen zu beenden.
  • Nico wird auf maisfreies Futter umgestellt.
  • Nicos Alltag wird „entstresst“: Seine Besitzerin soll nicht mehr mit ihm schimpfen, wenn er sich reaktiv zeigt. Stattdessen soll sie ihn loben, wenn er etwas gut gemacht hat.
  • Entspannung soll möglichst gefördert werden: Kaugegenstände sollen allzeit verfügbar sein, während der Spaziergänge darf Nico möglichst viel schnüffeln.
  • Nico braucht mehr Bewegung, auch wenn die Zeit vor der Haustür mit ihm sehr anstrengend ist. Es ist ein Teufelskreis: Je weniger Bewegung, desto mehr überschießende Energie beim Rausgehen. Als eine Maßnahme gegen seine Reaktivität, soll Nico ca. fünf Mal pro Woche mit seiner Besitzerin joggen gehen - am Laufgurt.
  • Nico soll mit Suchaufgaben beschäftigt werden, damit er auch mental gefordert werden kann. Das hatte seine Besitzerin schon vorher begonnen.
  • Nico bekommt verordnete Ruhepausen in seiner Ruhebox, da er selbst nicht in der Lage ist Ruhepausen zu nehmen, wenn er sie braucht.
  • Wir haben einige Hörzeichen aufgebaut, die den Umgang mit Nico im Alltag erleichtern, zum Beispiel „hinter mich“.
  • Nicos Besitzerin hat gelernt, welche Stresssignale Nico sendet, bevor ihm etwas zuviel wird, und wie sie darauf am besten reagiert.

Das Wichtigste von allem in Nicos Trainingsplan ist jedoch ihm zu helfen zur Ruhe zu kommen. Er soll davon befreit werden den ganzen Tag wie aufgedreht durch die Gegend wuseln zu „müssen“. Kein Hund kann mit diesem Stresspegel etwas lernen. Ihm zur Ruhe zu verhelfen, ist also der Knackpunkt, der uns entweder Erfolg oder Scheitern mit allen weiteren Problemen von Nico bringen würde. 

Wir haben nach dem Erstgespräch und der Beobachtungseinheit noch ca. vier Stunden (265 Minuten) in einwöchigen Abständen gemeinsames Training absolviert. Zwischen den Trainingseinheiten hat Nicos Besitzerin täglich konsequent mit ihm geübt. Anschließend haben die beiden allein weiter gemacht. Vier Monate nach unserem letzten Treffen schreibt Nicos Besitzerin: 

„Mein Hund war früher ein ganz schlimmer, nervöser Hund, ständig wild, nie eine Minute still gelegen, hatte keine Konzentration irgendwas zu lernen. Einige Hundetrainer in Wien hat er schon vertrieben mit seinem Verhalten und sie meinten, er ist ein hoffnungsloser Fall. Er war einfach unmöglich! Man konnte mit ihm nicht auf die Straße gehen. Alles wurde verbellt. 

Dank der Arbeit am Ruheprotokoll hat er sich sehr verbessert; er kann jetzt schon zum Markt mitgehen einkaufen und ist ganz brav dabei. Er bellt auf der Straße keine Autos, Menschen oder Mistkübeln mehr an. Zuhause legt er sich auch mal hin und schläft ein oder zwei Stunden. Nachts schläft er durch. Ich bin jetzt ganz stolz auf ihn!“ Sabine L., Wien

Das Ruheprotokoll und die Konsequenz seiner Besitzerin haben bewirkt, dass Nico durch Training geholfen werden konnte - es hat Nicos Lebensqualität und seine Integration im Alltag seiner Besitzerin wesentlich verbessert.

Was uns nun noch bevor steht, sind ein paar Einheiten Distanz-Emotions-Training um Nicos Reaktivität zu reduzieren und ihn gleichzeitig rehabilitierend sozialisieren zu können. Dieser Hund hat offensichtlich viel verpasst während der Sozialisierungsphase. Das muss er sich nun mühsam nachträglich erarbeiten. Am Ende wird Nico höchstwahrscheinlich in Kurse integrierbar sein - Kurse für Nasenarbeit oder andere Beschäftigung oder etwas, das ihm gut tut. 

Wer hätte das gedacht!

 

© Bina Lunzer,
www.binalunzer.com

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